München, 18. September 2026 – Was hat Klimaschutz mit Kinderschutz zu tun? Sehr viel. Denn Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf ein gesundes, sicheres und gutes Aufwachsen – und damit auch auf eine lebenswerte Zukunft. Gerade die Kinder- und Jugendhilfe ist gefordert, die Lebensbedingungen junger Menschen in den Blick zu nehmen und Verantwortung für ihre Zukunft zu übernehmen.
Zum Weltkindertag 2026 greift der LVkE dieses Thema in seinem Podcast auf. Moderator Florian Heckl spricht mit Willibald Neumeyer, Gesamtleiter des Caritas-Jugendhilfezentrums Schnaittach, darüber, wie Klimaschutz in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe konkret gelebt werden kann. Dabei wird deutlich: Klimaschutz ist keine zusätzliche Aufgabe neben der pädagogischen Arbeit. Er berührt zentrale fachliche Grundsätze der Kinder- und Jugendhilfe – von Kindeswohl und Kinderrechten über Beteiligung und Bildung bis hin zur Verantwortung für kommende Generationen.
Klimaschutz beginnt mit der eigenen Haltung
Für Willibald Neumeyer ist das Thema längst zu einem „Leib- und Magenthema“ geworden. Nicht, weil eine Jugendhilfeeinrichtung auf einmal zu einem Umweltbetrieb werden soll. Sondern weil sich aus dem Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe eine klare Verantwortung ergibt.
Wer Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen begleitet, muss auch ihre zukünftigen Lebensbedingungen im Blick behalten. Junge Menschen haben selbst kaum Einfluss darauf, wie sich die Klimakrise entwickelt. Gleichzeitig werden sie von ihren Folgen besonders betroffen sein. Damit wird Klimagerechtigkeit auch zu einer Frage von Kinderrechten und sozialer Gerechtigkeit.
Neumeyer formuliert es aus der Perspektive der Kinder- und Jugendhilfe konsequent: Kinderschutz, Kindeswohl und Kinderrechte lassen sich nicht glaubwürdig vertreten, wenn die ökologischen Lebensbedingungen junger Menschen ausgeblendet werden. Diese Verbindung wird auch in der fachlichen Diskussion zunehmend herausgestellt. „Der Kinderschutzexperte Dr. Fegert spricht beispielsweise von der Klimakrise als kollektiver Kindeswohlgefährdung, die Unicef spricht von der Klimakrise als Krise der Kinderrechte.“, erklärt Neumeyer.
Vom Anspruch zum Alltag
Besonders eindrücklich ist deshalb der Blick nach Schnaittach. Dort bleibt Klimaschutz nicht auf der Ebene von Konzepten oder Absichtserklärungen. Er wird im Alltag der Einrichtung sichtbar und für die jungen Menschen erlebbar.
Das Spektrum reicht von energetischen Maßnahmen wie Wärmedämmung, Photovoltaikanlagen und Solarthermie über die Nutzung von Wärmepumpen und Wasserspartechnik bis hin zu Fragen der Mobilität. Auch ökologische Ernährung, Trinkwasserspender, Regenwassernutzung, ökologische Reinigungsmittel, eine naturnahe Gestaltung der Außenflächen oder Kleidertauschpartys gehören dazu.
Entscheidend ist dabei nicht die einzelne Maßnahme. Entscheidend ist die Haltung dahinter: Die Einrichtung übernimmt Verantwortung und macht Nachhaltigkeit zu einem Teil ihres pädagogischen und organisatorischen Handelns. Neumeyer betont: „Wir alle wissen, dass wir in unseren alltäglichen Entscheidungen Spielräume haben und die Frage sich stellt, für welche Spielräume ich das mir zur Verfügung stehende Geld nutze.“ Dabei lohnen auch schon kleinere Anschaffungen wie Duschsparknöpfe oder Wäscheständer.
Damit wird Klimaschutz für die jungen Menschen nicht zu einem abstrakten gesellschaftlichen Thema. Sie erleben unmittelbar, dass Erwachsene Verantwortung übernehmen, Entscheidungen hinterfragen und gemeinsam nach Lösungen suchen.
Junge Menschen beteiligen
Gerade für die Kinder- und Jugendhilfe liegt darin eine besondere Chance. Klimaschutz kann mit Beteiligung, Selbstwirksamkeit und Demokratiebildung verbunden werden.
Denn junge Menschen sollen nicht lediglich erfahren, was sie „richtig“ oder „falsch“ machen. Sie sollen verstehen, mitreden, eigene Ideen entwickeln und erleben, dass ihr Handeln etwas bewirken kann.
Das ist insbesondere in der Jugendhilfe bedeutsam. Viele junge Menschen, die in Einrichtungen leben, bringen Erfahrungen mit, in denen sie wenig Einfluss auf ihre Lebensbedingungen hatten. Beteiligung und Selbstwirksamkeit sind deshalb zentrale pädagogische Themen.
Klimaschutz kann hier ein konkretes Handlungsfeld sein: gemeinsam überlegen, was verändert werden kann, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und Erfolge sichtbar machen.
Zwischen aktuellen Sorgen und der Zukunft
Dabei verschweigt Neumeyer auch einen wichtigen Widerspruch nicht: Für junge Menschen in belastenden Lebenssituationen können Fragen des täglichen Lebens zunächst sehr viel dringlicher sein als die globale Klimakrise. Wer sich Sorgen um die eigene Familie, die Schule, die Ausbildung oder gar die nächste Mahlzeit macht, hat möglicherweise wenig Raum für die großen Fragen der Zukunft.
Gerade deshalb braucht es eine Kinder- und Jugendhilfe, die das Thema nicht moralisch auflädt, sondern alltagsnah, beteiligungsorientiert und mit Augenmaß vermittelt.
Verantwortung für die nächste Generation
Hinter all diesen Maßnahmen steht letztlich eine sehr grundlegende Frage: Welche Welt wollen wir den Kindern und Jugendlichen hinterlassen?
Für eine Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe ist diese Frage nicht nur gesellschaftspolitisch relevant. Sie gehört unmittelbar zum eigenen Selbstverständnis.
Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, dass Erwachsene ihre Zukunft mitdenken. Und sie haben ein Recht darauf, dass ihre Interessen auch dort vertreten werden, wo Entscheidungen heute getroffen werden, deren Folgen sie erst morgen oder übermorgen tragen müssen.
Das Caritas-Jugendhilfezentrum Schnaittach zeigt, dass dieser Anspruch konkret werden kann. Klimaschutz beginnt nicht erst bei großen politischen Entscheidungen. Er beginnt auch in Einrichtungen, in Teams, in pädagogischen Beziehungen und im gemeinsamen Alltag.
Klimaschutz ist damit auch eine Frage professioneller Kinder- und Jugendhilfe: Wer Kinder und Jugendliche heute begleitet, trägt Verantwortung dafür, dass sie auch morgen gute Lebensbedingungen vorfinden.
Hören Sie in den LVkE-Podcast zum Weltkindertag 2026
Im Gespräch mit Florian Heckl erzählt Willibald Neumeyer sehr persönlich und zugleich fachlich fundiert, wie das Caritas-Jugendhilfezentrum Schnaittach seinen Weg zu mehr Klimagerechtigkeit gestaltet hat, was ihn dabei antreibt und warum für ihn die Verantwortung gegenüber den zukünftigen Generationen untrennbar mit dem Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe verbunden ist.
Der Podcast macht Mut, das Thema nicht als zusätzliche Herausforderung zu betrachten, sondern als Teil einer zeitgemäßen und verantwortungsvollen Kinder- und Jugendhilfe.
Das vollständige Interview ist ab sofort in der Mediathek des LVkE sowie auf dem verbandseigenen YouTube-Kanal abrufbar. Zusätzlich sind die Podcasts auch über Spotify, Deezer und Podimo zu finden.